Wenn unsere Welt im Chaos versinkt, weckt das oft schlafende Teile unseres Unterbewusstseins. Wir sind mehr auf uns selbst gestellt und richten unseren Fokus auf das wirklich Wesentliche im Leben und lernen, unser Potenzial, unsere ungeahnten Kraftreserven (Talente, Fähigkeiten, Ausdauer und eine Kreativität, die uns zuvor unbekannt waren), frei zu setzen.
Warum das so ist?
Weil wir in Krisen meist eingeschränkt sind, was bedeutet: Wir müssen ohne unsere gewohnten Ressourcen auskommen, wir haben weniger Geld, weniger Gesundheit, weniger Freunde usw. zur Verfügung. Wir lernen, mit weit weniger Mitteln als gewohnt zurecht zu kommen und werden gefordert, über uns hinaus zu wachsen. Daraus ergeben sich oft ganz neue, förderliche Perspektiven für unser weiteres Leben. Wie kann das konkret aussehen? Eine Krankheit z.B. kann uns dazu führen, unsere Gesundheit mehr zu schätzen und durch diese Erkenntnis ganz neue Wege zu gehen (z.B. die Ernährungsweise zu ändern). Viele Menschen, die einen Herzinfarkt überstanden haben, haben ihrem Sein danach eine andere Richtung gegeben. Sie erkannten, dass sie mit ihrem Leben recht sorglos und unbewusst umgingen. Seitdem sehen sie jeden einzelnen Tag als ein wertvolles Geschenk an und gestalten ihr Dasein weitaus bewusster und erfüllter. Herbert von Karajan soll nach einer neunstündigen Operation gesagt haben:
»Ich sehe die Dinge nun ganz anders. Ich weiß jetzt, dass Gesundheit keine Selbstverständlichkeit ist. Jeder Tag ist ein Glücksfall. Ich genieße jede einzelne Handlung, jeden Bissen Brot, jeden Blick aus dem Fenster.«
Wir sehen also:
Scheinbare Gegensätze wie eine Lebenskrise und Lebensglück müssen einander nicht ausschließen, sondern sie können sich hervorragend ergänzen, da sie uns gemeinsam als Persönlichkeiten wachsen lassen.
Schreiben wir uns das auf einen Zettel und hängen ihn gut sichtbar an die Wand, damit wir es jeden Tag vor Augen haben. Auch in der Natur gibt es solche Gegensätze: Tag und Nacht, Sommer und Winter oder Sonne und Regen. Sowohl der Winter, als auch der Sommer haben ihre eigenen Qualitäten und sollten nicht miteinander verglichen werden.
Das Vergleichen ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit. (Sören A. Kierkegaard)
Jerry Coffee war während des amerikanisch-vietnamesischen Krieges 7 Jahre lang in Kriegsgefangenschaft. Er wurde geschlagen, hungerte und verbrachte lange Zeit in Einzelhaft. Anstatt an diesem Umstand zugrunde zu gehen, nutzte Coffee die Einzelhaft, um sich und Gott näher kennen zu lernen. Er ging vor seinem geistigen Auge die Begegnungen mit anderen Menschen aus der Vergangenheit durch. Durch Selbstreflexion wurde er empathischer, nahm sich selbst an und entwickelte ein tiefes Verständnis für sich und andere Menschen. Ohne seine Kriegsgefangenschaft wäre er nicht der liebevolle, warmherzige und hoch spirituelle Mensch, der er heute ist. Das, was zuerst als Problem galt, war für einen anderen Lebensbereich eine Bereicherung.
Krisen sind wie Messer: Sie können uns nutzen oder schneiden, je nachdem, ob wir sie am Griff oder an der Klinge anfassen. (Unbekannt)
Ich selbst fasste in keiner anderen Zeit so viele neue Entschlüsse, wie während meiner Lebenskrise. Ich lernte meine Grenzen kennen, erfuhr, wie belastbar ich war, was ich wirklich wollte und was ich tun musste, um es zu erreichen. Ist schon komisch, was ich bis dahin von mir selbst noch nicht wusste. Es war so, als erwachte ich aus einem tiefen Dornröschenschlaf. Ohne eine schwere (jedoch nicht lebensbedrohliche) Krankheit in meinem Leben hätte ich mich z.B. nie der Homöopathie zugewandt, die mir eine große Hilfe ist (Wissenserweiterung). Mir wurde klar, dass ich nicht nach meinen körperlichen und seelischen Bedürfnissen gelebt hatte, was dazu führte, dass ich heute mehr für meine Gesundheit tue und auch ganz allgemein meine Prioritätenliste überarbeitet habe. Ohne Krise wäre mir das nicht klar geworden, denn kaum jemand denkt an seine Gesundheit, solange es ihm gut geht. Durch meine scheinbar ach so schlimmen Erfahrungen kann ich heute anderen Menschen eine Hilfestellung geben, die jetzt vielleicht das durchmachen, was ich auch erleben durfte.
Aus den Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen. (Johann Wolfgang von Goethe)
Die Annahme, man sei nichts wert, kann z.B. dazu beitragen, den eigenen Wert zu erkennen. Krisen können uns aus der Gleichgültigkeit reißen, uns vor Augen führen, dass wir unsere Herzenswünsche vernachlässigt haben und sie künftig wichtiger nehmen sollten. Jede Krise kann eine unbezahlbare Hilfe sein, mehr über sich selbst zu erfahren, dass der Sinn des Lebens vielleicht doch ein anderer ist als bisher angenommen, dass es Zeit ist, aus alten Gewohnheiten auszubrechen, die uns nicht gut tun und zur Krise geführt haben. All das sind wichtige Lehren. Und Hand aufs Herz: Ohne die schlechten und erfolglosen Erlebnisse in unserem Leben würden wir die guten und erfolgreichen Tage bestimmt nicht so sehr zu würdigen wissen. Wenn wir wissen, was Regen ist, können wir den Sonnenschein noch viel mehr genießen. Würde die Sonne 365 Tage im Jahr scheinen, dann wäre das nichts Besonderes mehr. An das Salz in der Suppe denken wir erst, wenn es fehlt. Nur jemand, der schon einmal auf dem Fußboden schlafen musste, schätzt ein Bett richtig. Wir würdigen eine leckere Mahlzeit umso mehr, wenn wir gehungert haben. Und erst wenn der Brunnen trocken ist, schätzt man das Wasser. Wir vergessen in unserer Alltagshektik oft, dass es so viele Dinge wertzuschätzen gibt, die wir als selbstverständlich erachten.
Der Weg durch die Wüste ist kein Umweg. Wer nicht das Leere erlitt, den bändigt auch nicht die Fülle, wer nie die Straße verlor, würdigt den Wegweiser nicht. (Friedrich Schwanecke)
Die Liste der versteckten Chancen, die wir in Krisen finden können, ließe sich endlos lang fort führen. Ich für meinen Teil kann sagen, dass ich ohne meine brenzligen Krisenzeiten heute weniger lebensfähig wäre.
Wer sich niemals an einer Kerze verbrannt hat, wird mit Sicherheit im Feuer umkommen. (Jörg Erdmannsky)
Eine Palme beschwerte sich beim lieben Gott, dass sie auf steinigem Boden wachsen müsse. All die anderen Palmen wuchsen auf weicher Erde und konnten deshalb ihre Wurzeln viel leichter nach unten ausdehnen. Sie hatten nicht das Problem, ihre Wurzeln mühselig um all die Steine zu winden. Eines Tages brach ein starker Sturm aus. Er war so heftig, dass er alle Palmen aus der Erde riss. Nur die Palme auf dem steinernen Boden nicht, weil ihre Wurzeln kräftiger waren.
Übertragen auf das menschliche Leben bedeutet dies, dass Krisen uns zwar unter Druck setzen, aber dass wir dadurch auch gefestigter durchs Leben gehen können. Scheinbare Probleme sind wie die Gewichte in einem Fitnesscenter. Indem wir sie anpacken und stemmen, stärken sie uns.
Herzlichst, Eure Anke
