Oft halten wir innerlich an unseren Problemen fest, weil wir sie als Schutzpanzer sehen. Wir haben Angst davor, den nächsten Entwicklungsschritt zu machen und suchen nach Ausreden (»Ich kann keine neue Beziehung eingehen. Nicht nach all dem Chaos, welches ich in meiner letzten Beziehung erlebte.«). Das »Behaftetsein« mit vergangenen Krisen und Traumatas (ob bewusst oder unbewusst), ist der Grund, warum zahlreiche unangenehme Dinge auch heute noch präsent sind in unserem Leben. Unzufriedenheit aufgrund vergangener Geschehnisse wirkt wie ein Gummiseil, das uns immer wieder in den disharmonischen Zustand zurück zieht.
Die Vergangenheit sollte ein Sprungbrett sein, nicht ein Sofa. (Harold Macmillan)
Der nächste Schritt besteht somit im LOSLASSEN. Es ist wie mit einem vollen Glas Wasser. Man kann es nicht mit neuem, frischem Wasser füllen. Zuerst muss man das alte, abgestandene Wasser ausschütten. Wenn wir das Alte nicht loslassen, dann entsteht eine Art Stau, ein innerer Druck. Wir sollten dabei alle nach folgender Devise gehen:
»Kann ich ein Problem nicht lösen, löse ich mich vom Problem.«
Dazu gehört auch, sich von Erwartungshaltungen zu lösen. Nehmen wir als Beispiel die Erwartung, unbedingt ein Kind haben zu müssen. Zahlreiche Frauen sehen ungewollte Kinderlosigkeit als schwere Krise an, wohingegen Psychologen solche Phasen als »Sollbruchstellen« der menschlichen Seele betrachten. In diesen Phasen befasst man sich mit sich selbst, ergründet, warum der unerfüllte Wunsch so schmerzt und wie man trotzdem weiter leben kann. Das lässt solche Frauen aus psychologischer Sicht reifen und das eigene Leben neu überdenken. Man lernt loszulassen, man lernt den JETZT-Zustand anzunehmen, man lernt das Leben anders zu begreifen. Hilfreich ist es dabei für die Frauen mit dem Kinderwunsch, an einen unerfüllten Wunsch aus der Vergangenheit zu denken, worüber man heute froh ist. Und oft ist es dann so, dass, nachdem man seinen Frieden mit der Realität gemacht hat, es dann doch zu einer Schwangerschaft kommt. Man schafft durch das innerliche Loslassen eine gewisse Leere, denn etwas Neues will zu uns kommen und das braucht Platz und Raum, damit es uns »er-FÜLLEN« bzw. ausfüllen kann. Jede Leere, jedes Vakuum möchte gefüllt werden.
Im Taoismus wird die innere Leere als sehr nützlich angesehen und mit einem Blasebalg verglichen, der leer ist, aber unerschöpflich durch seine Bewegung ständig etwas Neues hervorbringt. Und dadurch, dass wir leer sind, können wir Lösungen für unsere Problemlagen empfangen. Wären wir immer noch »voll«, dann ginge das nicht. Ich selbst war einmal in einer Beziehung, deren Zeit eigentlich schon längst abgelaufen war, aber weil ich Angst vor dem Alleinsein hatte, hielt ich an ihr fest. Das Ergebnis: Ich war unglücklich, stumpfte innerlich ab und verließ diese Beziehung zu guter Letzt doch. Danach war ich Single und hatte Angst, eine neue Beziehung einzugehen. Aber nichtsdestotrotz muss es im Lebensfluss zu Veränderungen kommen.
Es gibt den Schritt zurück nicht, der Fluss fließt nur in eine Richtung. Unsere Entwicklung schreitet ständig voran, wir sind heute nicht derselbe Mensch wie gestern. Der gestrige Tag existiert nicht länger, es gibt immer nur das JETZT, jeder einzelne Lebensmoment ist ein »point of no return«, man verlässt immer wieder die bisherige »Heimat-Zone«, die uns so vertraut und familiär vorkommt. Das ganze Leben ist ein ständiges Loslösen von Gewohntem und Bekanntem – und das fällt den meisten Menschen nicht leicht (selbst dann, wenn das Gewohnte uns vielleicht das Leben schwer macht, so wie z.B. eine unglücklich machende Beziehung oder ein Job, der nicht zu uns passt).
Es ist anstrengend, etwas Neues zu entdecken. Also ziehen wir es vor, zu bleiben, wie wir sind. Und da liegt die eigentliche Schwierigkeit. (Krishnamurti)
Das ganze Leben besteht aus Annehmen (die Gegenwart) und Loslassen (die Vergangenheit). Denken wir dabei nur Mal ans Ein- und Ausatmen. Halten wir die Luft an, ersticken wir. Ebenso können wir nicht ewig einatmen. Menschen, Dinge, Umstände, Gedanken, Gefühle, Ansichten, Meinungen und Glaubensmuster sind wie der Atem: Sie kommen und gehen. Wir können nichts ewig behalten, irgendwann müssen wir es ja doch loslassen. Und halten wir uns dabei vor Augen, dass dies ein Naturgesetz ist. Alles, was natürlich, alles was echt ist, ist vergänglich und geht irgendwann. Nur das Unechte besteht in der ewig gleichen Form. Echte Blumen blühen und verwelken, Kunstblumen bleiben gleich.
Eine Möwe erhob sich in den Himmel; im Schnabel hatte sie ein Stück Fleisch. Andere Möwen erspähten den Leckerbissen im Schnabel ihrer Kameradin und verfolgten sie, um ihr das Fleisch abzujagen. Erbittert wurde die Möwe angegriffen. Schließlich ließ sie das Fleisch fallen; die Verfolger ließen von ihr ab und flogen kreischend dem Bissen nach. Die Möwe atmete auf und sagte: »Jetzt ist es friedlich hier oben. Der ganze Himmel gehört mir.«
Dieses »Märchen« hat einen tiefen und wahren Kern. Es verdeutlicht auf eindrucksvolle Weise, wie sehr wir oftmals an etwas festhalten, was unser Lebensglück behindert. Wie oft finden wir uns in Situationen wieder, in denen es uns inneren Frieden bringen würde, wenn wir einfach nur loslassen würden? Und Fakt ist, dass wir alle das lernen können, denn wir alle konnten es einmal. Schau Dir Kleinkinder an. In der einen Minute lachen sie, dann weinen sie und dann lachen sie wieder. Für Kinder entsteht die Welt in jedem einzelnen Augenblick vollkommen neu, sie sind präsent im gegenwärtigen Augenblick und lassen alles Vergangene los. Wenn sie vor zwei Minuten noch geweint haben und jetzt in der Lage sind herzlich zu lachen, dann können sie das nur, weil sie das Erlebnis vor zwei Minuten vollständig losgelassen haben. Ein Kleinkind lebt alle Gefühle authentisch und lässt sie aus sich raus, und somit lässt es sie auch los.
Die meiste Zeit wird damit vergeudet, festzuhalten, was man längst verloren hat. (Pablo Picasso)
Wenn ich etwas zu verlassen beabsichtige, was mich schwingungsmäßig runter zieht (Beziehung, Job, Wohnung usw.), dann nehme ich mir zuerst vor, meine Schwingung so zu gestalten, dass ich mich von den belastenden Dingen »in Frieden und Freude« trennen kann. Geht also eine Beziehung in die Brüche, dann gibt es keinen handfesten Krach, sondern mein Ex-Partner und ich bleiben Freunde (oder zumindest sind wir keine Feinde). Ich möchte positiv schwingen und keinen seelischen Ballast mitnehmen, denn das wären schlechte Voraussetzungen für einen positiven Neuanfang. Wenn ich also in der Lage bin, meine Schwingung zu harmonisieren (z. B. mit Hilfe von Salzwasser-Tanks, Meditation, Chi-Maschine, Entspannungsmassagen, Spaziergängen in der Natur, Treffen mit Freunden…), dann kann ich mich auch mit der gegenwärtigen Situation besser anfreunden und leichter vorwärtsschreiten.
Wer den Fluss überquert, muss die eine Seite verlassen. (Gandhi)
Loslassen klingt so einfach, aber die meisten Menschen tun sich schwer damit. Wie lässt man etwas los, woran man festhalten will? Folgende Atemübung hat mir sehr geholfen:
1.) Atme ganz normal. Dann denke an etwas, was Du unbedingt behalten und unter keinen Umständen loslassen möchtest. Atme tief ein und dann halte den Atem an, solange es Dir möglich ist. Diese Übung wiederhole bitte dreimal. Sie suggeriert Deinem Unterbewusstsein, dass Blockaden jeglicher Art Dir nicht gut tun. An etwas festhalten ist, als würde man den Atem anhalten – es ist zu 100 % disharmonisch. Der Atemfluss steht für den Lebensfluss und der will ungehindert fließen. Ich nehme in diesem ersten Schritt mein Festhalten innerlich an und sage mir, dass ich mich liebe und achte, auch wenn ich an Vergangenem festhalte. Ich verurteile mich nicht dafür und sage mir, dass ich okay bin, so wie ich bin – mit allen Gefühlen und Empfindungen, die ich in diesem Moment habe. Ich anerkenne den Persönlichkeitsanteil in mir, der festhalten will und bringe ihm meine Liebe und Wertschätzung entgegen. Oft sage ich dann laut: »Ich stehe zu meinen Gefühlen und ein großer Teil in mir will dieses und jenes nicht loslassen, weil es Angst hat, es für immer zu verlieren.« Dabei kann es sich um einen Lebenspartner, um Freunde oder materielle Gegenstände handeln. Und in solchen Momenten geschieht das Loslassen plötzlich ganz von alleine, ich fühle mich plötzlich leicht und gelassen. Es ist dann so, als würde eine tonnenschwere Last von mir abfallen.
2.) Dann kommt der zweite Schritt, lieber Leser: Atme wieder ganz normal, lasse das Ein- und Ausatmen widerstandslos geschehen. Und dann denke an etwas, was Du auf gar keinen Fall annehmen willst, etwas, wovor Du Dich sperrst. Nachdem Du ausgeatmet hast, atme nicht mehr ein. Weigere Dich einzuatmen, solange es Dir möglich ist. Wiederhole auch diese Übung dreimal. Auf diese Weise zeigst Du Deinem Unterbewusstsein wieder, dass das Leben ein »Geben und Nehmen« ist. Wer nicht annehmen will, der blockiert den natürlichen Lauf der Dinge. Danach atme wieder ganz normal und spüre die Leichtigkeit, wenn Du den Atemfluss nicht blockierst, wenn Du mit dem Leben in Harmonie fließt.
3.) Als nächstes denke an eine belastende Situation aus Deiner Vergangenheit, die Dir zu schaffen machte. Tauche in dieses Gefühl nochmal ein und lasse es auf Dich wirken. Erlebe die Situation gefühlstechnisch so real wie möglich. Dann atme tief ein und nimm das Geschehene an. Und dann atme aus und lass die Situation los.
4.) Der nächste Schritt besteht darin, sich an eine positive Veränderung zu erinnern, die Dich glücklich gestimmt hat. Bade in diesem Gefühl und atme dabei ganz tief ein. Dabei stelle Dir vor, wie Du die Veränderung annimmst. Beim Ausatmen stelle Dir vor, wie Du die eingeatmete Energie in Deinem ganzen Körper verteilst.
5.) Und im abschließenden Schritt richte Deine Aufmerksamkeit auf ein aktuelles Problem und überlasse Dich ganz dem normalen Atemfluss. Du atmest ein, Du atmest aus. Du lässt geschehen. Du blockierst nichts, alles ist in Harmonie, Du nimmst an, Du lässt los. Du hast das Spiel des Lebens begriffen und legst Dir keine Steine mehr in den Weg.
Wenn Du etwas loslässt, bist Du etwas glücklicher. Wenn Du viel loslässt, bist Du viel glücklicher. Wenn Du ganz loslässt, bist Du frei. (Ajahn Chah)
Herzlichst, Deine Anke
PS: Wir sehen uns im 2. Teil.
