Leben bedeutet neue Erfahrungen sammeln.
Immer dann, wenn man eine neue Lernerfahrung macht und sie in sein Bewusstsein aufnimmt, wird das Bewusstsein um diese »Energie« erweitert. Wir wachsen also innerlich, vergleichbar mit dem Körperwachstum und der Zufuhr von Vitaminen aus Nahrungsmitteln, ob diese Lebensmittel uns nun »schmecken« oder nicht. Es gibt sicherlich auch jede Menge Erfahrungen, die uns nicht schmecken, die uns verbittert machen und auf die wir liebend gern verzichten würden, aber auch sie sind ein Schlüssel für ein neues »Morgen«.
Stellen wir uns in diesem Zusammenhang die Frage:
»Was wäre, wenn alles, was wir erleben, einen (höheren) Sinn hätte?
Können wir absolut sicher sein, dass aus einer höheren Perspektive dieses Ereignis auf lange Sicht nicht gut für uns ist?«
Das können wir nicht und deshalb sollten wir diese Möglichkeit nicht kategorisch ablehnen. Wir können nicht ausschließen, dass aus einem höheren Blickwinkel gesehen, ein krisenbehafteter Lebenswandel nicht seine vollste Berechtigung hat und dem Wachstum unserer Seele dient. Vieles mag uns nicht gefallen, aber selbst die Nacht erfüllt einen bestimmten Zweck. Der Sinn kristallisiert sich für gewöhnlich erst später heraus. Man geht vorwärts durch Krisen, begreift sie aber meist erst rückblickend.
»Jede Situation im Leben ist mein Lehrer. Sie kann, wenn ich sie klug nutze, zu einer positiven Neubesinnung führen.«
Man sagt nicht ohne Grund, dass wir nicht Menschen sind, die eine spirituelle Erfahrung machen, sondern dass wir spirituelle Wesen sind, die eine menschliche Erfahrung machen. Wir lernen und entwickeln uns durch alles weiter, was wir erleben. Es gibt immer ein Szenario hinter dem Szenario. Zugegeben: In manchen Notsituationen bin ich auch nicht sofort in der Lage, dahinter einen »Entwicklungsplan« zu erkennen und bin stattdessen wütend, traurig oder verzweifelt. Doch wenn wir die grundsätzliche Möglichkeit nicht von vornherein ausschließen, dass es so sein KANN, erschließen wir uns die Option, unser Leben zum Guten zu ändern und die Gesamtsituation zu »entschärfen«. Vor allem sehen wir uns dann nicht länger als Opfer. Es gibt aus dieser Perspektive keine Unglücke und auch keine Täter mehr, da alles unserem Wachstum dient.
Stunden der Not vergiss. Doch was sie Dich lehrten, vergiss nie. (Salomon Geßner)
Früher habe ich mich immer darüber aufgeregt, wenn mir etwas Unangenehmes widerfahren ist (Beziehung geht in die Brüche, ich verliere Geld, ich bekomme eine Job-Absage …), heute hingegen frage ich mich neugierig, wohin das, was ich als unangenehm empfinde, wohl führen mag. Ich mache mir klar, dass die unangenehme Situation lediglich eine Momentaufnahme ist. Sie ist wie eine Spielfilmminute in einem 100-Minuten-Spielfilm. Sie ist nicht das Ende und auch nicht der Anfang des (Lebens-)Films, sondern irgendwo in der Mitte und sollte deshalb auch nicht als END-gültiger Zustand betrachtet werden. Schauen wir doch einfach Mal, wie der Film weiter geht. »Wer weiß, wofür es gut ist«, ist in Krisenzeiten mein Lieblingssatz.
Vielleicht hilft Dir folgende Betrachtungsweise: Rein wissenschaftlich und auf subatomarer Ebene gesehen bestehen wir alle aus demselben »Baustoff«, wenn man so sagen will. Folglich stammen wir alle aus ein- und derselben Quelle. Manche nennen diese Quelle Gott. Ich sage mir: »Na ja, wenn Gott in allem ist, dann ist alles göttlich, dann ist alles okay, gut, perfekt und vollkommen – ganz egal, ob es wie eine Krise wirkt, ob es unfair, falsch oder bösartig aussieht.« In allem steckt ein tieferer, ein göttlicher und universaler Sinn, ein konstruktiver Wert, eine hilfreiche Erkenntnis für die persönliche Entwicklung. Also bleibe ich im Vertrauen und verlasse mich darauf, dass jedes Ergebnis zu meinem Vorteil ist. Es mag zwar manchmal etwas Zeit vergehen müssen, bis ich es merke, aber zu guter Letzt fällt es mir dann oft wie Schuppen von den Augen. Sobald ich einen Sinn in meiner Krise erkenne, erlange ich eine neue, förderlichere Lebensperspektive.
Den Weg gehend, erkennt man den Sinn. (Luise Rinser)
Führen wir uns vor Augen, dass jedweder Wandel im Leben uns einen Nutzen bringt. Wir müssen nur die Augen öffnen und ihn erkennen. Arbeitslosigkeit beschert uns mehr Freizeit, eine in die Brüche gegangene Beziehung schafft womöglich den Raum für einen neuen Partner, mit dem wir richtig glücklich werden, und gesundheitliche Beschwerden können zu einer Neubesinnung bzw. einer gesünderen Lebensführung führen. Begrenzen wir uns nicht selbst mit dualen Bewertungen bezüglich unserer Erfahrungen (gute und schlechte Erfahrungen). Anstatt zu sagen »Ich will nur schöne Erfahrungen im Leben machen« und »Ich lehne schlechte Erfahrungen strikt ab«, sollten wir sagen: »Ich schätze alle Lebenserfahrungen, bevorzuge jedoch jene, die mir ein angenehmes Gefühl bereiten«. Mit einer solchen Geisteshaltung machen wir uns innerlich frei.
Leben heißt sich entwickeln. Alle Erfahrungen, gute und schlechte, dienen der Reife. (Ardis Whitman)
Seien wir uns stets darüber im Klaren, dass es im Leben keine Zufälle gibt, sondern dass alles im Universum seinen Platz im Gesamtbild hat. Jede einzelne Erfahrung, ganz gleich wie beschaffen sie sein mag, macht uns reicher und ist eine Einladung an uns durch sie zu wachsen, uns zu entwickeln und uns zu heilen. Mit dieser Einstellung sind wir am ehesten imstande, den größten Gewinn aus unseren Erlebnissen zu ziehen. Deshalb lassen wir uns jede Situation in unserem Leben eine Lehre sein.
Aus meiner Sicht ist die gesamte menschliche Existenz ein Weg des Lernens – und besonders kann man mithilfe von Krisen lernen. Weder ein bestimmtes Alter noch eine bestimmte Persönlichkeitsreife ersparen uns die eine oder andere Krise, die für unser Wachstum vonnöten ist. KEIN Leben ist absolut krisenfrei, denn das Leben besteht aus Tag und Nacht, aus Höhen und Tiefen, ebenso wie Musik aus hohen UND tiefen Tönen besteht, oder wie eine Münze aus zwei Seiten besteht. Wenn wir eine Münze in die Hand nehmen, führt kein Weg daran vorbei, beide Seiten anzunehmen. Dasselbe gilt auch für das Leben.
Sonnenschein ist köstlich, Regen erfrischt, Wind kräftigt, Schnee erheitert. Es gibt kein schlechtes Wetter, nur verschiedene Arten von gutem. (John Ruskin)
»Schlechte« und »schöne« Zeiten sind beide Teil der menschlichen Erfahrung. Wir erfahren das Leben auf diese Weise in seiner Ganzheit, leben es in seiner Totalität, und genau das verleiht dem Leben eine gewisse Würze, es ist wie das Salz in der Suppe, darin verbirgt sich die wahre Magie des Lebens. Ohne diese Magie wäre es kein harmonisches Leben. Das Wort »Harmonie« stammt übrigens vom griechischen Begriff »harmonia« ab und bedeutet übersetzt »Vereinigung von Gegensätzen zu einem Ganzen«. Erst wenn das Plus und das Minus sich vereinigen, entsteht daraus das, was wir LEBEN nennen, ein harmonisches Gleichgewicht. Es ist wie beim Regenbogen. Er kann erst dann entstehen, wenn Sonne und Regen aufeinander treffen. Und es bleibt uns überlassen, wie wir das Ganze wahrnehmen wollen. Ich selbst bemühe mich, eine non-duale Perspektive einzunehmen bzw. beide Seiten des Lebens als eine Einheit auf unserer Lebensreise anzunehmen. Und am Ende solcher Reisen steht dank einer solchen Einstellung ein Mensch mit mehr Tiefgang, der den erlebten Leidensdruck nicht mehr verurteilt, sondern ihn als Teil einer fantastischen Entdeckungsreise sieht, in der man sich selbst wieder findet und feststellt: Das Leben kann wieder Spaß machen!!!
Ich selbst habe so manche Lektion im Leben auf ziemlich extreme Weise gelernt, aber im Nachhinein hat mir das gut getan und scheinbare Unglücke entpuppten sich als wahre Glücksfälle. Ich wurde, um es verkürzt zu sagen, WEISER. Das bedeutet nicht, dass ich seitdem nicht mehr »gegen die Wand fahre«, aber es passiert immer seltener. Und wenn es passiert, weiß ich meist damit umzugehen, auch wenn es manchmal einiges an Zeit bedarf. Es kann immer wieder auch mal zu Rückschritten kommen. Wir gehen vielleicht vier Schritte nach vorne, werden dann aber womöglich drei Schritte zurückgeworfen. Aber darüber sollten wir uns nicht ärgern, nein, nein, ganz im Gegenteil, seien wir froh, wenn wir entdecken, dass es auf eine bestimmte Weise nicht mehr vorwärts geht – so wie der Seemann, der sich darüber freut, das Leck rechtzeitig entdeckt zu haben, welches ihn definitiv zum Sinken gebracht hätte. Die Geschichte des Erfolgs ist immer auch die Geschichte von Rückschlägen, Problemen und Schwierigkeiten. Da sag‘ ich nur: Übung macht den Meister. Das ist die Natur der Dinge. Ohne Übung kann man sich nicht einmal richtig effektiv die Zähne putzen.
Herzlichst,
Deine Anke
