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Gehe ins Vertrauen – Teil 1

Wenn unser Leben aus den gewohnten Bahnen fällt, wir plötzlich in der totalen Ungewissheit fest stecken und wir im Außen alles Menschenmögliche unternommen haben, es aber nicht gefruchtet hat, dann befinden wir uns in der Angstschwingung. Es ist fast so, als ob wir nackt da stehen würden und den Umständen hilflos ausgeliefert wären. Aber diese »Nacktheit« bzw. diese scheinbare Hilflosigkeit ist nichts Schlimmes und wir sollten sie nicht gleich bedecken. Wir sollten sie annehmen und darauf vertrauen, dass sie ihren Sinn hat, dass sie uns zu etwas führen kann, was uns in unserer Entwicklung vorwärts bringt. Es geht in solchen Situationen darum, Vertrauen zu entwickeln. Vertrauen haben bedeutet eine ungewisse Lage durch Zuversicht zu meistern.

Das Vertrauen vermag alles, es bewirkt Wunder. (Theresia von Lisieux)

Hand aufs Herz: Wann sonst ergibt sich die Möglichkeit, Vertrauen zu lernen? Für gewöhnlich ist man erst dann dazu bereit, wenn man jegliche Kontrolle über das Leben verloren hat. Die Umstände des Lebens lassen uns in kritischen Lebenssituationen gar keine andere Wahl, sie fordern uns geradezu auf, dem Leben Vertrauen entgegen zu bringen – und erst wenn das geschafft ist, leben wir wirklich angstfrei. Werfen wir einen Blick auf die Naturvölker, stellen wir fest, dass sie glücklicher leben als zivilisierte Menschen. Und das obwohl sie weniger Luxus zur Verfügung haben. Wie kommt das? Ganz einfach: Sie vertrauen dem Kreislauf des Lebens. Im Gegensatz zum westlichen Menschen, der stets auf Kontrolle aus ist und sich gegen alles Mögliche und Nichtmögliche versichert, vertrauen Naturvölker unbeirrt dem Lauf der Dinge, ganz egal, wie die äußeren Umstände auch sein mögen. Und jeder liebt und genießt es, wenn ihm Vertrauen geschenkt wird – das Leben ist da nicht anders. Ohne Ausnahme wir alle sind mit Vertrauen auf die Welt gekommen, jedoch sind Kinder »unbewusst im Vertrauen«. Als Erwachsener, nach zig unterschiedlichen Erfahrungswerten, obliegt uns die Aufgabe, zu lernen dem Leben BEWUSST zu vertrauen.

Ich sage nicht, dass das ein leichtes Unterfangen ist, aber es ist definitiv möglich und in Krisenzeiten absolut NOT-wendig, wie ich aus eigener Erfahrung weiß!!! Mir selbst hat der Glaube, dass immer alles gut ausgeht, schon sehr oft geholfen und ohne Vertrauen wäre ich während meiner Krise ganz sicher untergegangen. Wenn ich weiß, dass ich alles Menschenmögliche getan habe, um eine Situation zu meistern, dann lasse ich sie los und gehe davon aus, dass zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Leute, die helfende Hand, der passende Einfall usw. auftauchen werden. Ich sage mir: »Das Leben besteht aus Momenten und der folgende Moment entsteht aus dem gegenwärtigen Moment heraus. Ich richte meine Aufmerksamkeit nicht angstvoll auf den kommenden Moment, sondern bin voll und ganz im jetzigen Moment, ich nehme ihn intensiv wahr, umarme ihn und genieße ihn.« Wenn man das Ganze so handhabt, lieber Leser, dann kann man gar keine Angst entwickeln, dann ist man voll und ganz im Vertrauen und traut sich nach jedem Sturz wieder aufs Pferd.

Im Grunde hat alles im Leben mit Vertrauen zu tun, es ist ein universales Naturprinzip und hat nichts mit Naivität zu tun. Sind wir mit dem Wagen unterwegs, vertrauen wir darauf, dass der Reifen nicht platzt. Wenn wir Geld am Geldautomaten ziehen, vertrauen wir darauf, dass es kein Falschgeld ist. Geben wir unser Kind im Kindergarten ab, vertrauen wir darauf, dass die Betreuer gut auf unser Kind aufpassen werden. Liegen wir auf dem Operationstisch, steigen wir in einen Bus oder beauftragen wir einen Handwerker, vertrauen wir darauf, dass die Verantwortlichen ihre Sache gut machen werden. Wir sehen also: Alles, worauf man sich einlässt, erfordert einen Vertrauensvorschuss, nichts ist wirklich absolut sicher. Ohne Vertrauen wäre man vollkommen aufgeschmissen und würde früher oder später verrückt werden. Manch einer von uns fordert Garantien, aber das Leben kennt keine Versicherungen, es schützt nur jene, die sich auf das Leben einlassen. So etwas wie »Lebensversicherungen« können sich nur gewiefte Geschäftsleute ausdenken, aber es ist bloß eine Illusion. Das Leben gibt keine Versprechen und keine Garantien, denn dann wäre es kein Leben mehr. Wäre auf der Welt alles gewiss, dann würde das Leben seinen Reiz verlieren und unsere Seele könnte nicht atmen. Solange wir Sicherheitsgarantien fordern, leben wir aus der Angst heraus. Willst Du wirklich lebendig sein, lieber Leser, musst Du Dich auf das Ungewisse einlassen. Damit meine ich auch die Gefühle, die entstehen, wenn man sich ins Unbekannte wagt. Vertraue darauf, dass es Dir einen Nutzen bringt, Dich ohne Sicherheitsgarantien Neuem zu öffnen, frei nach der Devise: »Springe und das Netz wird erscheinen.« Damit werden wir zu aktiven Unterstützern von Veränderungen. Dein Vertrauensvorschuss, lieber Leser, ist der »Preis«, den Du zahlst, damit aus einer neuen, unbekannten Lebenssituation etwas Schönes entstehen kann.

Wer sich aufs Leben einlässt, kann groß rauskommen! (Gudrun Zydek)

Wenn wir eine Krise ablehnen, fokussieren wir uns auf das, was wir nicht haben wollen. Wenn wir eine Lösung zu erzwingen versuchen, fokussieren wir uns wieder auf das, was wir unter keinen Umständen haben wollen und verstärken es auf diese Weise nur. Und so wächst das Unerwünschte immer mehr und mehr. Wir stecken in einem Kreislauf fest, in dem wir außerhalb des »Gottvertrauens« sind. Auf »gut deutsch« gesagt: Wir stecken dann im Mangelbewusstsein fest. Ich war während meiner Lebenskrise auch an diesem Punkt angelangt und übergab das Thema irgendwann vertrauensvoll der Schöpfung – und fühlte mich gut und erleichtert dabei – als stünde schon fest, dass alles zu meiner vollsten Zufriedenheit ausgehen wird. Ich machte mir dabei bewusst, dass die Schöpfung unendlich viele Planeten, Sonnen und Sterne, ganze Galaxien, kreiert hat. Was sind angesichts dieser Tatsache schon meine Probleme? Dieses »kampflose« Vorgehen bzw. Mitgehen mit der Situation hat mich angstfreier gemacht. Seitdem bewerte ich meine Lebensereignisse nicht nach Erfolg oder Misserfolg, sondern habe es im Laufe der Zeit geschafft, eine innere Gewissheit zu kultivieren, dass alles seine Daseinsberechtigung hat. In solchen Momenten fließt das Leben durch uns, wir blühen auf und sind entspannter und gelassener. Heute frage ich mich beim Blick zurück: »Warum war ich damals bloß so in Sorge?« Und auch heute noch verfahre ich genau so: Immer, wenn mich der Mut zu verlassen droht, stoppe ich diese Gedanken und sage: »Liebes Universum, aus dem ich hervorgegangen bin, hiermit übergebe ich Dir diese ganze Angelegenheit.« Ich will dann nichts mehr erzwingen, nein, ich lasse geschehen.

Wenn nicht geschehen wird, was wir wollen, so wird geschehen, was besser ist. (Martin Luther)

Sicherheitsbedürfnis kontra Vertrauen

Wir schließen Versicherungen ab, treten politischen Parteien bei, lassen uns impfen, richten uns ein Bankkonto ein, treten einer Religion bei usw. – all das tun wir, um Sicherheit zu erlangen und »sargen« somit das Leben ein. Doch das Leben entlarvt die Annahme, man könne sich ein schönes Leben auf dem Fundament von Sicherheitsdenken aufbauen, als faustdicke Lüge. Die Menschheitsgeschichte lehrt uns immer wieder aufs Neue, dass Sicherheitsdenken reines Wunschdenken ist. Irgendwann erreicht jede Situation den Punkt, an dem sie sich nicht mehr voraussehen und planen lässt. Es funktioniert einfach nicht auf Dauer. Der Drang nach Sicherheit macht uns neurotisch und sperrt uns ein. Würde eine Blume wie ein Mensch denken, würde sie sich wahrscheinlich wünschen, sie sei eine Plastikblume, da ihr in diesem Zustand weder Wind noch Regen etwas anhaben könnten. Aber das wäre kein Leben mehr, es wäre nur noch ein Scheinleben.

Man kann Euch wirklich gratulieren! Nach tausend Jahren Fortschritt habt Ihr es tatsächlich geschafft, dass Ihr nach Hause kommt, Fenster und Türen Eurer Luxusherbergen verriegelt und die Alarmanlage einschaltet, während die Dschungelbewohner friedlich in ihren offenen Hütten schlafen. (Rudi Berner)

Schon der römische Geschichtsschreiber Tacitus lehrte, dass das menschliche Bedürfnis nach Sicherheit jeder großen und edlen Tat im Wege steht. Und überhaupt: Was ist schon sicher, was ist schon gewiss? Materielle Sicherheiten lösen sich plötzlich in Luft auf, irgendwann ist nichts mehr da, an das man sich festhalten kann und das Einzige, was einem noch bleibt, das ist man selbst. Die Einsicht, dass es keine vollkommene Kontrolle gibt, kann viel inneren Druck von uns nehmen. Sie beendet Schuldgefühle, ständiges Grübeln und die »Opferdenke«.

JEDE Art von Kontrolldenken hat das Ziel, uns vor etwas zu beschützen und entspringt der Angst. Eine interessante Frage in diesem Zusammenhang lautet: Wer ist es eigentlich genau, der ständig nach Kontrolle strebt? Antwort: Unser Verstand. Er ist es, der auf Sicherheit aus ist und immer bombensichere Zusagen haben will. Ist die Sicherheit nicht gewährleistet, erzeugt er Angst. Im Klartext: Die größte Angst empfinden wir immer dann, wenn wir über unsere Situation nachdenken. Angst ist somit ein »Denkkonstrukt« und somit immer ein Produkt unseres Verstandes, der dummerweise glaubt, er könne alles genau bewerten und einschätzen. Das trifft jedoch nicht zu, denn unser Verstand ist zwar ein Wunder der Natur, eine biologischer »Hochleistungsmaschine«, ein echter Supercomputer, aber selbst der beste Computer, die beste Maschine im Universum hat begrenzte Kapazitäten, kann nicht allumfassend denken, nicht alles voraussehen und sollte deshalb auch nicht als oberste Kompetenz in Sachen »Lebensgestaltung« angesehen werden (eine Maschine kann nie der Chef sein).

Man ist meistens nur durch Nachdenken unglücklich. (Joseph Joubert)

Wie schon gesagt: Der Drang, alles genau im Vorhinein zu wissen und sich erklären zu können, entspringt der nackten Angst. Und Angst ist keine gute Ausgangsbasis für ein krisenfreies Leben. Tatsache ist: Der Verstand kann sich trotz aller Planungen NIEMALS absolut sicher sein, dass sich alles nach Plan entwickeln wird. Es gibt immer einen »Faktor X«, den der Verstand nicht einkalkulieren kann. Das bedeutet, dass der Verstand immer im Zweifel ist, so gut er auch etwas vorbereitet hat. Und Zweifel sorgen dafür, dass man nicht glücklich ist, dass man innerlich nicht abschalten kann, dass man unerfüllt und unausgeglichen ist. Kurzum: Dass man in der Krise ist. Ewiger Zweifel führt irgendwann zu neurotischem Zwangsverhalten. Je mehr Sicherheit wir haben wollen, desto neurotischer und desto unfreier werden wir. Diesen Satz solltest Du Dir sehr genau verinnerlichen, lieber Leser. Ich selbst habe bereits vor langer Zeit den Drang losgelassen, alles wissen und verstehen zu müssen. Heute verfahre ich so, mit meinem Unverständnis verständnisvoll umzugehen, meine Fragen und Zweifel lieb zu haben und mich vertrauensvoll auf die Unvorhersehbarkeiten des Lebens einzulassen.

Herzlichst, Deine Anke

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