Man kann auch schriftlich vorgehen, um loszulassen. Man stellt sich das vor, wovon man sich innerlich freimachen will und schreibt es auf: »Ich lasse meine alte Beziehung los. Ich lasse mein altes Gewerbe los. Ich lasse mein altes Weltbild los.« Dann erinnert man sich daran, wie einem all das, was man loslassen will, in der Vergangenheit gut getan hat – und bedankt sich dafür. Auch wenn es sich um unangenehme Dinge handelt, so haben sie das Leben um wichtige Erkenntnisse bereichert, und nicht um etwas beraubt. Als nächstes trifft man die felsenfeste Entscheidung, all das aus dem Leben zu entlassen. Ich mache das oft mit einer Affirmation: »Ab heute entscheide ich mich dafür, im Hier und Jetzt zu leben.«
Auch das schreibt man auf einen Zettel. Den liest man noch einmal laut vor und entsorgt ihn dann. Und nach einiger Zeit spürt man den Problemdruck nicht mehr so intensiv.
Ein Mann wanderte nachts alleine durch die Berge. Plötzlich rutschte er auf einem glitschigen Felsen aus und fiel in die Tiefe. In letzter Sekunde konnte er sich noch festhalten und hing an dem Felsen. Unter ihm herrschte die totale Dunkelheit. Stundenlang hielt der Mann sich an dem Felsen fest und es wurde immer kälter. Die Hände des Mannes wurden immer steifer und er konnte sich nicht mehr festhalten. Kraftlos und erschöpft ließ er den Felsen los und dachte, er stürzt in den sicheren Untergang. Doch siehe da – kaum hatte er den Felsen losgelassen, da spürte er festen Boden unter seinen Füßen, den er wegen der Dunkelheit nicht gesehen hat. Der Abgrund war gar keiner. All die langen Stunden war er fest davon überzeugt, dass er sich in einer ausweglosen Situation befand, dabei war die Lösung so nah und nur seine (eingeschränkte) Sicht der Dinge gaukelte ihm die Unlösbarkeit seiner Lage vor. Dabei hätte er nur…loslassen müssen. Und schon wäre das Schwere so leicht gewesen. Das Problem war gar keins.
Um unserer Lebensfreude mehr Raum zu geben, empfiehlt es sich, neben dem inneren, auch den äußeren Ballast abzuwerfen. Ich entsorgte während und nach meiner Krisenphase alte Kleidung, alte Fotos, alte Bücher und alte Briefe. Entweder warf ich überflüssige Dinge in den Müll oder spendete sie einer karitativen Einrichtung. Man kann auch, wenn man will, die Umgebung neu gestalten, indem man die Wände mit einer anderen Farbe streicht oder neue Möbel kauft. Das alles hilft dabei, emotionale Bindungen an vergangene Zeiten zu lösen. Wenn das Loslassen mir trotz alledem nicht gelingen will, dann ändere ich meine Vorgehensweise und stelle mein Festhalten in Frage. Das heißt, dass ich jedes Mal, wenn ich spüre, dass ich bestimmte Dinge nicht loslassen kann (z. B. die Wut auf eine bestimmte Person oder ein traumatisches Erlebnis aus meiner Vergangenheit), mir die Zauberfrage stelle: »Will ich dieses und jenes loslassen?« Wenn ich merke, dass ich dazu noch nicht imstande bin, sage ich mir: »Nein, ich WILL es noch nicht loslassen.« Das ist viel wirksamer, als wenn ich mich selbst unter Druck setze, indem ich sage: »Ich werde niemals wieder sauer sein auf dieses oder jenes.« Denn wenn ich von mir selbst fordere, nie wieder wütend auf jemanden zu sein, der mir aus meiner Sicht Unrecht angetan hat, dann führt das zur Selbstabwertung, sobald ich nicht in der Lage bin, diese Forderung zu erfüllen. Stattdessen entscheide ich mich von Fall zu Fall immer wieder aufs Neue und demonstriere meinem Unterbewusstsein mit der Zauberfrage, dass, ganz egal, was ich hinterher auch tue, es meiner freien Willensentscheidung unterliegt. So erlebe ich, selbst wenn ich immer noch an etwas anhafte, das Erfolgsgefühl der freien Entscheidung in mir. Und ZACK, schon fällt mir das Loslassen leichter, da das gewohnheitsmäßige Verhalten des Anhaftens nicht mehr aktiviert wird.
Susannes Mann war krank gewesen und operiert worden. Vor einigen Tagen war er aus dem Krankenhaus entlassen worden und heimgekommen. Eine Bekannte fragte Susanne: »Hat sich dein Mann von der Operation erholt?« Susanne antwortete: »Nein, er redet immer noch darüber.«
Solange wir uns über unsere Lebensumstände beschweren, ständig darüber schimpfen, klagen, jammern, meckern und fluchen, solange wir uns fragen, warum ausgerechnet uns das Leben so »straft«, bleiben wir im Bewusstsein mit unseren Problemen verbunden und haben nicht wirklich losgelassen. Mit SO einem Problembewusstsein lassen sich keine Lösungen zustande bringen. Wenn wir mit dem Leben kooperieren wollen, dann sollten wir uns vorstellen, wir würden mit einem Arbeitskollegen zusammen arbeiten. Wenn wir auf ein angenehmes Arbeitsklima aus sind, dann würden wir uns doch auch nicht ständig über ihn beschweren. Das wäre sicher keine gute Ausgangsbasis für ein gelungenes Teamwork, oder!?! Was auch überaus wichtig ist: Machen wir uns nie und nimmer Vorwürfe, wenn wir während des Loslassens traurig werden und das Gefühl haben, einen großen Verlust zu erleben. Es kann eine Art innere Leere entstehen, das ist ganz normal. Ich mache mich in solchen Situationen nicht selbst fertig, sondern male mir stattdessen aus, was ich anstelle der losgelassenen Erfahrungswerte Neues erleben will. Damit habe ich ein Ziel, auf das ich mich freuen kann, das mir mächtigen Antrieb verschafft.
Indem man loslässt, geschieht alles wie von selbst. Die Welt wird gemeistert von jenen, die loslassen. (Laotse)
Ich kann absolut nachvollziehen, wenn manch einer sich dagegen sträubt, dass seine Welt sich gehörig verändert und er mit der neuen Situation mitwachsen muss. Auch ich wollte mich während meiner Lebenskrise nicht verändern bzw. Bestehendes im Leben nicht loslassen, obwohl ich bereits ahnte, wohin der Hase läuft. Wenn ich mich heute anschaue und an früher denke, stelle ich fest, dass sich das zum Glück geändert hat: Früher war ich jemand, den man als »Status Quo-Denker« bezeichnen könnte. Ich war jemand, der die bestehenden Zustände festhalten, ja sogar die Zeit selbst anhalten wollte, der Angst vor Veränderungen hatte und sie regelrecht bekämpfte. Warum? Weil ich Angst hatte vor dem Neuen, weil ich auf meinen Verstand hörte. Und woraus besteht der Verstand, aus was setzt er sich zusammen? Aus vergangenen Erfahrungen, aus dem, was uns bekannt ist. Alles, was in unserem Verstand steckt, ist etwas, was wir wissen, was uns vertraut ist, woran wir uns gewöhnt haben. Stehst Du an einer Kreuzung, lieber Leser, wird Dein Verstand Dich auffordern, den Dir bekannten Weg zu gehen. Aber dort gibt es nichts Neues, nichts, was Du lernen kannst. Damals bevorzugte ich den mir bekannten Pfad. Heute bin ich ein anderer Mensch: Ich bin kreativer, offener und flexibler. Ständig will ich neue Dinge ausprobieren, etwas Neues erschaffen, mich auf neues Terrain begeben. Ob dieser Sinneswandel leicht war, höre ich Dich fragen? Wie man es nimmt, lieber Leser. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass das Loslassen gewohnter Zustände manchmal recht anstrengend sein kann, aber es bedeutet »sich dem Leben hinzugeben«. Und das sind nun einmal die Spielregeln des Lebens, nur dann LEBT man, nur dann nimmt man am Leben teil. Manch einer lehnt Bibeltexte vielleicht ab, aber es stehen viele Wahrheiten darin, so z.B. diese: »Man soll keinen neuen Wein in alte Schläuche füllen.« Auch das bedeutet, man soll das Alte loslassen. Das Alte hatte seine Zeit und die ist vorbei. Ziehen wir einen Schlussstrich unter die Vergangenheit, was auch immer gewesen sein mag – und zwar jeden Tag von Neuem! Jeden Morgen stehen wir als neue Menschen auf, der Tag liegt vor uns, um NEUE Erfahrungen zu machen. Verteidigen wir also nicht das alte Ufer wie ein Grenzsoldat, sondern stechen wir in See wie Kolumbus und lassen uns auf Veränderungen ein.
Das Alte ist genau wie die Nacht; wenn sie stirbt, dann steht der Morgen schon am Horizont. (Osho)
Machen wir uns immer wieder aufs Neue klar, dass die Schmerzen im Leben, die wir zu spüren bekommen, nicht zwangsläufig zu uns gehören. Wir sind nicht dieser Schmerz. Es wird erst dann wieder vorwärts gehen im Leben, wenn wir diesen Schmerz, diese Energie frei gelassen haben. Es ist im Grunde eine gut nachvollziehbare Sache: Wenn wir Leid und Unglück loslassen, entstehen Glück und Freude. Beides kann nicht gleichzeitig denselben Platz und Raum einnehmen. Machen wir also klar Schiff und lassen alles los, was uns einschränkt und die Lebensfreude blockiert. Nur so können wir die Türe zum Glück öffnen.
Herzlichst, Deine Anke
