Allein sein zu müssen ist das Schwerste, allein sein zu können das Schönste. (Hans Krailsheimer)
Wenn wir uns allein fühlen, dann fühlen wir uns oft zugleich auch ausgeschlossen, ungeliebt, unwichtig, unscheinbar abgelehnt, isoliert, unsicher und wie auf Entzug. Es kann dann der Glaubenssatz entstehen, man sei nicht liebenswert. Natürlich stimmt das nicht, denn selbstverständlich sind wir alle unheimlich liebenswert. Woher kommt eigentlich diese eigenartige Angst vor dem Alleinsein? Ich wusste lange Jahre meines Lebens nicht, wovor ich da ganz konkret Angst hatte. Heute ist das anders. Meiner Ansicht nach entsteht diese Angst, weil man sich als unvollständig empfindet. Der Drang nach menschlicher Gesellschaft ist nicht verwunderlich: Der Mensch wird (in den meisten Fällen) in eine Familie hineingeboren, hat sofort liebevolle Menschen um sich herum, ist nicht allein und fühlt sich wohl. In der Kinderzeit freundet er sich mit anderen Kindern an, in der Teenager-Zeit nähert er sich potentiellen Partnern an und als Erwachsener lebt er in einer Ehe oder Partnerschaft, wird Mitglied in Vereinen, Clubs und sonstigen Verbindungen. Ständig und andauernd sucht der Mensch die Gesellschaft anderer Menschen, ist quasi »gesellschaftsabhängig« und tummelt sich auf Partys, Schützenveranstaltungen, Sportturnieren, Rummelplätzen usw. rum, um mit den Wölfen heulen zu können. Man könnte fast sagen: Der Mensch flieht sein Leben lang vor dem Alleinsein, stürzt sich in Beschäftigungen, in Verpflichtungen und Feierlichkeiten – nur damit er in Bewegung bleibt und sich ablenkt. Natürlich bleibt eine Ablenkung nur eine Ablenkung und löst die Angst vor dem Alleinsein nicht auf. Man könnte den Gedanken auch weiter denken und zu dem Schluss kommen: »Der Mensch flieht lebenslang vor sich selbst. Er will nicht mit sich alleine sein. Er meidet sich selbst, er flüchtet davor, seine Zeit mit sich allein zu verbringen. So, als ob er sich selbst nicht leiden, nicht ausstehen kann, so, als ob er sich selbst nicht liebt.« Womit wir beim Thema Selbstliebe gelandet sind.
Während meiner Lebenskrise hatte ich kaum Liebe für mich selbst übrig und auch weniger Kontakt zur Außenwelt. Ich war Single und hatte kaum Freunde. In den ersten Wochen und Monaten kam ich mir alleine und verlassen vor. Eines Tages begann ich dann regelmäßig zu meditieren und übte mich in der »Erfahrung des Alleinseins«. Ich war allein mit meinen Gedanken und zuerst erschrak ich angesichts all der Gedanken, die so auftauchen, wenn man zum ersten Mal meditiert. Aber im Laufe der Zeit wurden meine Gedanken immer harmonischer und es löste sich auch die Angst vor dem Alleinsein auf. Auch das Gefühl, unbedingt gebraucht zu werden, verschwand einfach. Diese Erfahrung machte ich zwar aus einer Lebenskrise heraus, aber jeder Mensch sollte sich die Erfahrung der regelmäßigen Meditation gönnen. Mein Glücksgefühl wuchs während der Meditation, mein Bewusstsein wurde durch nichts abgelenkt, durch nichts getrübt, ich war ganz allein mit mir, alle meine Blockaden waren weg, ich war mir selbst genug, ich hatte wie ein Kleinkind Spaß mit mir, ich genügte mir einfach selbst, mein SEIN füllte mich vollkommen aus, ich war ruhig und entspannt, ich blühte innerlich auf, ohne dass ich andere Menschen dafür brauchte. Das hatte ich noch nie zuvor erlebt. Mir dämmerte der ungeheure Wert, einmal ganz mit sich allein sein zu dürfen und in sich hinein zu tauchen. Von da an wusste ich, dass, egal wie turbulent und laut es in der Welt zugehen würde, ich immer einen Rückzugsort habe, in dem es ruhig und harmonisch ist. Und so ein Ort ist unbezahlbar. Ich dachte nach einigen Wochen Meditation vollkommen angstfrei: »Selbst wenn ich jetzt der letzte Mensch auf Erden wäre, wäre ich glücklich und gelassen.« Damals fiel mir sofort der Satz aus der Bibel ein: »Selig sind, die für sich allein stehen können…«
Seid euch selbst ein Licht. (Buddha)
Ich bin mir absolut sicher, dass ich mir diese schöne Erfahrung nur durch das Alleinsein ermöglicht hatte. Ich las vor Jahren mal ein Gedicht, welches beschrieb, dass die höchsten Berggipfel die schönsten und friedlichsten sind, weil sie ganz allein für sich existieren können. Genau so ist es meiner Meinung nach auch bei uns Menschen. Wenn wir allein sein KÖNNEN (nicht müssen), dann ist dauerhaftes Glück kein bloßes Wunschdenken mehr.
Manche Menschen sehen eine Partnerschaft als Zuflucht an, in die sie sich flüchten, um das Gefühl der Einsamkeit zu kompensieren. Wenn das der Antrieb ist, dann ist die Beziehung von vornherein zum Scheitern verurteilt, dann ist sie schon gestorben, bevor sie angefangen hat zu leben. Die Beziehung wird also nicht um der Liebe Willen eingegangen, sondern sie dient eher als eine Art Sauerstoffmaske, ohne die man nicht mehr atmen kann. Und aller Voraussicht nach zieht man sich einen anderen einsamen Menschen (Spiegelbild) an, und einsam plus einsam ergibt ganz einsam. Man sollte keinen Menschen als Mittel zum Zweck benutzen, um dem Gefühl des Alleinseins zu entgehen. Für das Auflösen dieses Gefühls ist nicht die Partnerschaft verantwortlich, sondern immer nur wir selbst.
Wenn wir mit uns selbst nicht im Reinen sind, dann schützt uns auch eine Partnerschaft nicht vor Einsamkeit, dann sind wir auch zu zweit alleine. Manchmal ist man zu zweit sogar noch »alleiner« als allein. Das Gefühl des Alleinseins ist nun einmal »nur« ein Gefühl. Und Gefühle werden nicht im Außen geschaffen, sondern IN UNS drin. Du kannst Dich auch in einem voll besetzten Fußballstadion fühlen, als seist Du allein, lieber Leser, es kommt einzig und allein auf Dein Inneres an. Wenn wir uns beispielsweise ungeliebt und ungeachtet fühlen, dann ist dieses Gefühl tief in uns erzeugt worden. Da hilft es dann auch nichts, wenn uns jemand in der Außenwelt tatsächlich liebt. Zuallererst muss man das Gefühl in sich ändern, dann erst wird man empfänglich für die Liebe im Außen. Solange der Mensch nicht zu sich selbst finden kann durch Selbstliebe, wird er auch nicht zu anderen Menschen finden können. Erst, wenn Du mit dem Alleinsein klar kommst, bist Du reif für eine liebevolle Partnerschaft, denn dann begehst Du sie ohne Angst. Und immer, wenn Dich das Gefühl der Einsamkeit überkommt, ist das ein Zeichen dafür, dass Deine innere Verbundenheit zu Dir selbst zu schwach ist.
Aus einer höheren Perspektive ist die Angst vorm Alleinsein völlig unsinnig, da wir nie allein sind, nie allein sein können. Es ist nämlich sowohl aus quantenphysikalischer, als auch aus esoterischer Sicht eine Illusion (=Maya) anzunehmen, dass alles voneinander getrennt ist. Die materielle Welt ist eine Welt der Täuschung, in der alles voneinander getrennt zu sein SCHEINT. Die gesamte Existenz ist aber tatsächlich eine Art organische Einheit. Ein anschauliches Beispiel für eine vernetzte Einheit ist unser physischer Körper. Betrachte einmal Dein Bein, lieber Leser. Du kannst den Oberschenkel, das Knie, die Wade, die Zehen berühren und fühlen. Und Du glaubst, es handle sich dabei um vier verschiedene Objekte. Doch das ist der totale Trugschluss. Mache Dir bewusst: »Das ist nicht ein Oberschenkel, ein Knie, eine Wade und Zehen, das sind keine Einzelteile, nein, das ist eine Einheit ohne Trennlinien, es ist alles EIN Körper. Und zwar MEIN Körper.« Diese Bewusstmachung ist wie eine Vereinigung, eine Vervollständigung, die jeglichen trennenden Gedanken Lügen straft. Der ganze Körper ist ein Organismus, in dem alles zusammenarbeitet, alles miteinander verbunden ist und sich austauscht. Und so ist es auch mit dem gesamten Universum, mit uns und allen anderen Menschen – wir alle sind eine große Einheit.
Oder stell Dir einmal all die vielen Inseln im Meer vor. Auf den ersten Blick scheinen sie alle voneinander getrennt zu sein, doch gäbe es kein Meer, würden wir erkennen, dass alle Inseln verbunden sind, dass sie alle eins sind, dass sie alle einen großen Kontinent darstellen. Warum wohl heißt das Universum Universum? »Uni« bedeutet »eins« und verdeutlicht, dass wir alle ein großes Ganzes bilden. Wir alle sind Teil derselben Natur, der Allgegenwart, auch wenn wir uns in den Details unterscheiden. Jedes Blatt eines Baumes sieht anders aus, kein Blatt sieht genauso aus wie ein anderes, aber trotzdem kommen sie alle aus derselben Quelle, demselben Stamm, werden sie alle durch dieselben Wurzeln genährt. Es sind viele Blätter, aber es ist EIN Baum, es gibt Milliarden von Manifestationen, aber es ist eine universale, göttliche Existenz. Viele Planeten bilden ein Sonnensystem und viele Sonnensysteme bilden eine Galaxie – alles gehört zusammen. So wie ein Körper aus Zellen besteht, so besteht die Unendlichkeit aus uns allen. Es gibt ein gigantisch großes Bewusstsein, welches sich auf die verschiedensten Weisen manifestiert: Als Menschen, als Tiere, als Bäume, als Steine, als Elemente. Dieses Bewusstsein ist überall auf der Welt und überall im Universum, es IST die Welt und es IST das Universum. Wir sind im Grunde keine Personen, wir sind eine energetische Präsenz (als Mensch verkleidet), ein Teilbewusstsein des großen universalen Bewusstseins. Du, lieber Leser, ich und alle Anderen sind pure Energie, die keine Trennlinien, keine Grenzen kennt. Da Du mit ALLEM verbunden bist, kannst Du nie nur Zuschauer sein, nein, Du bist immer ein Mitwirkender, der mit allem verknüpft ist. Und wenn Du mit allem verknüpft bist, kannst Du nie allein sein.
Die gesamte Schöpfung existiert in dir, und alles, was in dir ist, existiert auch in der Schöpfung. Es gibt keine Grenze zwischen dir und einem Gegenstand, der dir ganz nahe ist, genauso wie es keine Entfernung zwischen dir und sehr weit entfernten Gegenständen gibt. Alle Dinge, die kleinsten und größten, die niedrigsten und höchsten sind in dir vorhanden als ebenbürtig. Ein einziges Atom enthält alle Elemente der Erde. Eine einzige Bewegung des Geistes beinhaltet alle Gesetze des Lebens. In einem einzigen Tropfen Wasser findet man das Geheimnis des endlosen Ozeans. Eine einzige Erscheinungsform deiner selbst enthält alle Erscheinungsformen des Lebens überhaupt. (Khalil Gibran)
Wie immer beginnt alles in uns selbst. Bevor wir uns »da draußen« auf die Suche machen nach etwas, was uns die Angst vor dem Alleinsein nimmt, sollten wir lieber in uns gehen und uns klar machen, dass es überhaupt keinen Grund gibt, Angst vor einer Illusion zu haben. Sehen wir uns erstmal in unserem Haus (IN UNS) nach einer Lösung um, bevor wir das Haus verlassen (bevor wir in der Außenwelt nach etwas suchen, das uns das Gefühl des Alleinseins nimmt).
Ich betrachte das Alleinsein nicht als etwas Negatives. Das Alleinsein kann uns sehr dabei helfen, uns selbst besser kennen zu lernen, denn wenn wir immerzu nur mit anderen Menschen zusammen sind und uns nie eine Auszeit nehmen, sind wir uns im Grunde selbst fremd.
Mache doch einfach einmal folgende Übung, wenn Du Dich allein fühlst, lieber Leser: Umarme Dich selbst, klopfe Dir anerkennend auf die Schultern und sage Dir das, was Du auch gerne von Deinem Partner hören würdest. Zum Beispiel: »Ich bin sooooo froh, dass es Dich gibt und dass Du bei mir bist. Ich genieße die Zeit mit Dir, sie ist einfach herrlich.«
Was mache ich persönlich, wenn ich mich allein fühle? Ich sage mir einfach: »Ich bin sowieso mit allem verbunden, ich bin immer eins mit allem. Das ist eine Tatsache, die man selbst durch hartnäckiges Ignorieren nicht aus der Welt schaffen kann. Und da ich mit allem verbunden bin, brauche ich auch nichts festzuhalten, mich an nichts zu klammern.« Als ich mir diese Wahrheit nach regelmäßiger Übung mittels Meditation und Affirmationen verinnerlicht habe, verschwand die Angst vor dem Alleinsein. Die Illusion war weg und die Angst war weg.
Das ganze Leben bewegt sich zwischen Zusammensein und Alleinsein. Und es liegt immer an uns: Wir können traurig sein, weil wir allein sind, oder wir können unser Alleinsein als Freiheit genießen. Sehen wir das Verbindende, nicht das Trennende.
